Maria Sacharowa über die Gefahr, dass die KI ein Instrument des Neokolonialismus wird

Die Künstliche Intelligenz macht das Leben nicht nur leichter, sie ist vor allem ein potenzielles Instrument des Neokolonialismus.

von Anti-Spiegel

13. August 2025

Es gibt immer wieder Meldungen über internationale Konferenzen zur Künstlichen Intelligenz, um sie international zu regulieren. Das wird allerdings kaum Erfolg haben, weil die KI als potenzielles Machtinstrument zu verlockend ist, als dass die auf dem Gebiet führenden Staaten und Konzerne sich mit Vorschriften einschränken lassen.

Über das Thema hat Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, einen interessanten Artikel geschrieben, den RT-DE in zwei Teilen veröffentlicht hat. Leider lesen nach meiner Erfahrung viele Leser bei solchen Veröffentlichungen nicht beide Teile, weshalb ich eine eigene Übersetzung des Artikels angefertigt habe und sie in einem Stück veröffentliche.

Beginn der Übersetzung:

Maria Sacharowa: Künstliche Intelligenz wird weniger zu einem Werkzeug des Fortschritts als vielmehr zu einem Druckmittel, einem Mittel zur Umverteilung der Macht in der Welt.

Anfang Juli fand eine gewöhnliche Veranstaltung zu einem außergewöhnlichen Thema statt: eine Sitzung des Kollegiums für Informations- und Kommunikationstechnologien des Außenministeriums mit Schwerpunkt auf den Problemen der künstlichen Intelligenz. Und obwohl die veröffentlichte Pressemitteilung die Ergebnisse zusammenfasst, geht es in Wirklichkeit nur um den Anfang einer umfangreichen und intensiven Arbeit in diesem Bereich. Das stattgefundene Gespräch bildet den Auftakt für eine detaillierte Diskussion im Ministerium und den Prozess der Anpassung der Behörde an die Aufgaben im Bereich KI in der internationalen Dimension dieses umfangreichen Themas.

In einem für die breite Öffentlichkeit zugänglichen Abschnitt dieser Diskussion möchte ich näher auf den politischen Hintergrund der digitalen Transformation und die Rolle neuronaler Netzwerktechnologien eingehen. Es ist offensichtlich, dass unter dem Einfluss der KI als Schlüsseltreiber der vierten industriellen Revolution vor unseren Augen eine neue wirtschaftliche, soziokulturelle und soziale Ordnung entsteht. Die Veränderungen sind insbesondere im industriellen und finanzwirtschaftlichen Bereich der Staaten spürbar, doch bereits jetzt gewinnt die explosive Entwicklung des maschinellen Lernens zunehmend an politischer Dimension. Um den semantischen Rahmen dieser Kehrseite der Digitalisierung korrekt zu definieren, muss man das System ideologischer Koordinaten beschreiben, das einige geopolitische Akteure, die künstliche Intelligenz fördern, übernommen haben.

Dieser Rahmen ist das neokoloniale Denken.

Erst in Verbindung mit KI erlangt der Neokolonialismus eine wahrhaft globale, angewandte Dimension und technologische Vollständigkeit. Die Welt außerhalb des Gebiets der „Goldenen Milliarde“ ist mit der Entstehung neuer Abhängigkeitsmechanismen konfrontiert. Sie sind subtiler als die „traditionellen“ Formen der Unterordnung von Kolonien unter Kolonialmächte, aber gleichzeitig durchdringender und langfristiger. Es geht nicht nur um die Abhängigkeit der Entwicklungsländer von den Lieferungen von Ausrüstung oder Software, sondern um die Algorithmen, die die Schlüsselprozesse von der Logistik bis zur Bildung, von der Medizin bis zum Meinungsmanagement steuern. Das ist eine Ressourcenabhängigkeit auf einer anderen Ebene, wenn Informationen, Daten, deren Qualität sowie der Zugang zu Rechenleistung das wichtigste Instrument für den „Export von Einfluss“ sind.

Die Bedienung erfolgt zunehmend aus einer bedingten Agglomeration führender Staaten und Unternehmen, die ein nahezu vollständiges Monopol auf Spitzentechnologien und die Infrastruktur für deren Anwendung besitzen. Der Besitzer dieser Ressourcen erhält die Möglichkeit, Bedingungen zu diktieren, Verhaltensmuster durchzusetzen, Weltanschauungen zu formen, das Bewusstsein und letztlich die Entscheidungsfindung sowohl auf Regierungsebene als auch auf der Ebene einzelner Menschen zu beeinflussen. Außerdem geschieht das alles, wie man heute sagt, „im Moment“, also buchstäblich in Echtzeit.

KI-Technologien ermöglichen es bereits heute, die Realität in einem bisher unerreichbaren Ausmaß zu lenken und zu ersetzen. Der Einfluss erfolgt sowohl über die üblichen Kanäle der Informationsübermittlung als auch über die digitale Umgebung, die unmerklich in den Alltag eindringt. Die Manipulation neuronaler Netze geht über Logik und faktenbasierte Argumentation hinaus und durchdringt die Ebenen automatischer Reaktionen, also die Reflexe, moralische und ethische Einstellungen, ja sogar das Unterbewusstsein.

Es entsteht eine grundlegend andere Kontrollarchitektur, in der externe Kontrolle in die persönliche Struktur der menschlichen Psyche eingebettet werden kann und dabei werden bewusste Entscheidungen und Widerstände umgangen.

Die KI wird somit nicht nur zu einem Werkzeug des Fortschritts, sondern zu einem Druckmittel, zu einer treibenden Kraft des globalen Wettbewerbs, auch um die Köpfe und Herzen, um die Lebensweise der Menschen, sowie zu einem Mittel zur Umverteilung der weltweiten Macht. Das Streben nach dieser bedingungslosen Führung, nach dem Status des „Herrn über das Schicksal der Menschheit“, birgt die Gefahr, in einer völlig anderen Zukunft zu landen als der, die uns die Befürworter des digitalen Wandels schildern. Dieses Problem erfordert sorgfältige Überlegungen, die sowohl den modernen Fortschritt in der Hochtechnologie als auch die wirtschaftlichen Realitäten, einschließlich ihrer Auswirkungen auf die Umwelt, berücksichtigen..

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