Manchmal genügt es, einen einzigen Nachmittag lang Gesprächen zu lauschen, um zu begreifen, wie arm eine wohlhabende Gesellschaft an Sprache geworden ist. Da sitzen Menschen in Cafés, in Büros, in Talkshows, und was sie einander hinwerfen, sind nicht Worte, sondern Floskeln. Sprachliche Kleider von der Stange, abgetragen, zerknittert, und doch mit einer Selbstverständlichkeit vorgeführt, als seien sie edler Zwirn.
Es ist eine eigenartige Marotte der Gegenwart, dass man auf jede Frage, jede Entschuldigung, jedes noch so kleine Angebot zur Zuwendung dieselbe gedroschene Antwort erhält:
„𝐴𝑙𝑙𝑒𝑠 𝑔𝑢𝑡.“
Ein Satz, der in seiner Kürze beinahe beruhigend wirken möchte und doch nichts als geistige Ödnis offenbart. „Darf ich Ihnen noch ein Glas Wein einschenken?“ – „Nein, alles gut.“ „Es tut mir leid, dass ich gestern nicht zurückgerufen habe.“ – „Nein, alles gut.“ Das „Alles gut“ ist die sprachliche Ein-Euro-Münze unserer Zeit: überall im Umlauf, von jedermann verwendbar, aber in Wahrheit ohne Wert.
Wie unpräzise! Sprache ist das große Instrumentarium, das uns gegeben ist, um Nuancen, Zwischentöne, Haltungen zu transportieren. Sie könnte, wenn man sie denn ließe, den feinen Unterschied markieren zwischen der Dankbarkeit für die Aufmerksamkeit und der gleichzeitigen Versicherung, dass ein Versäumnis keine Verstimmung hinterlassen hat. Sie könnte Freude, Milde, Gleichmut artikulieren – doch stattdessen füttern wir einander mit Fertigware aus der Konserve des Alltäglichen.
Einer Welt, in der „auf Augenhöhe“ zur Beruhigungspille geworden ist, „ein Zeichen setzen“ zum Ersatz für Taten, „Herausforderungen“ zum Deckmantel für Krisen. In der „authentisch“ eine Maske ist, „Nazi“ eine Keule, „Demokratie“ ein Sonntagswort, das werktags schweigt.
Sprache, die einmal Werkzeug des Denkens war, ist zur Tapete geworden, die man über Risse klebt. Doch wie jedes Ornament, das zu oft wiederholt wird, verliert sie ihre Kraft.
Es ist an der Zeit, diese Tapete herunterzureißen, die nackte Wand zu sehen – und den Mut zu haben, Worte wieder als das zu benutzen, was sie sind: scharf, präzise, unbestechlich. #clubderklarenworte#zeitgeist#essay#denken#sprache#phrases




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