Für den 3.10. sind Demonstrationen in Stuttgart und Berlin angesagt. »Ja zu Frieden und Abrüstung« heißt es im Aufruf.

Freunde von mir fahren zu den Demos, ich nicht. Ich ertrage die abgestandenen Phrasen des Aufrufs und seiner Initiatoren nicht mehr.

Was haben denn Worte wie »Völkerrecht«, »Atomwaffenverbot«, »Entspannung« mit der heutigen Art und Weise, wie wir global regiert werden, zu tun? Und will man ernsthaft daran glauben, dass Bekundungen des Friedenswillens durch Teile der Bevölkerung daran etwas ändern?

Wenn ich von Illusionismus spreche, sagen meine Freunde: ja, mag sein, aber bei der Demo trifft man viele gute Leute und es geht darum, öffentliche Zeichen im Sinne der friedlichen Mehrheit der Bevölkerung zu setzen …. und ich sage dann: ok, das sind Gründe teilzunehmen, aber denkt selber politisch etwas gründlicher.

Der Aufruf klingt so, als wolle man die führenden Kreise weltweit bitten oder schubsen: verzichtet auf Rüstungen, Kriege und Aufhetzung von Menschenmassen gegen Menschenmassen oder schaltet wenigstens einen, zwei Gänge runter!

Mein Einwand: der heutige globale Kapitalismus existiert in Rivalität und Krieg, er kann nur dadurch sich an seinem verkorksten Leben erhalten. Das unterscheidet sich in den USA, in Russland, in Europa nicht und in der Grundtendenz muss man auch China nennen. Die Oligarchen in Ost und West können auf Kriege und gigantische Rüstungen nicht verzichten und nutzen Krieg zunehmend auch, um die Kontrollen über die eigenen Bevölkerungen zu schärfen. Die neue »Multipolarität« ist nicht friedlicher, sondern brutaler.

Nichts ist illusorischer als von der herrschenden ökonomischen und sozialen »Ordnung« Frieden einzufordern. Sie präsentiert sich uns seit mehr als hundert Jahren durch zwei Weltkriege und eine permanente, ansteigende Welle von Kriegen unterschiedlichster Orte, Ausdehnungen und Auswirkungen. Wie soll das weltweite Ausbeutungs‐ und Vergewaltigungssystem dazu gebracht werden, sich in die Gegenrichtung zu entwickeln?

Die politische Konzeption hinter dem Aufruf zum 3. Oktober reagiert auf die Gefahr, die man nunmehr am eigenen Leibe spürt. Früher war Krieg ja woanders. Aber diese Reaktion ist ängstlich‐​konservativ. Sie stellt das System, das Krieg ohne Ende produziert, nicht in Frage. Sie ist kein selbständiges Moment, sondern ein Anhängsel an die Kriegspolitik.

Wir leben in einem globalen Ausbeutungssystem, das mittlerweile auf Grund seiner Entwicklungsgesetze auch auf relativ reiche Länder wie die europäischen zurückschlägt. Seine Führungsschichten, vor allem in den USA, aber auch in Europa waren in den 70 Jahren nach dem zweiten Weltkrieg die Hauptquelle und Hauptprofiteure der internationalen Wirtschaft und des weltweiten Kriegstreibens; sie wiegten ihre eigenen Bevölkerungen in einem Lebensgefühl von relativer Friedlichkeit und sozialer Absicherung. Heute haben sich durch den Aufstieg des kapitalistisch gewordenen China neue konkurrierende Zentren des Reichtums und der Militärmacht gebildet. Globale Rivalität nimmt neue Formen an. Nun schlägt das globale kapitalistische System auf bisher privilegierte Bevölkerungen, namentlich in Europa, massiv zurück. Deutschland ist als ein künftiger militärischer Brennpunkt globaler Rivalitäten schon markiert. Ökonomisch und sozial befindet es sich bereits in der Abwicklung, Europa als Ganzes wird immer unfriedlicher und gleitet in die soziale Zerstörung ab.

Will man mit solchen Demonstrationen wie jetzt die Oberen dazu bringen, Kriege anderswo zu führen, bloß nicht im eigenen europäischen Umfeld? Will man um einen »Frieden« in Europa betteln, der mit der Verlagerung der Kriege anderswohin einher ginge? Will man die Wohlstands-»Ordnung« erhalten, indem man die Herrschenden mahnt: unser »Wohlstand« ist auch der Eure? Will man übersehen, wie manche Oligarchen mittlerweile das Versteckspielen sein lassen und erklären: eure Forderungen gefährden unseren Wohlstand, also weg mit euch, es kommen Zeiten der Bevölkerungsreduzierung. Das ist die innere Stimme des Systems, nicht die von Außenseitern, und heute wird der ganz große Profit noch mehr als früher durch Menschenvernichtung gemacht.

Nein, antwortet man mir, wenn ich so frage: »Nein, wir sind nicht konservativ, das wollen wir nicht, wir wollen durch weltweite Friedensbewegungen den globalen Frieden und eine besseres Leben für alle erzwingen!

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