Der müde Gott im Menschen – Deutschland zwischen Komfort, Koma und Kosmos-Kitsch

Es war einmal ein Land, das dachte.

Heute fühlt es lieber.

Und weil Fühlen bequemer ist als Denken, glauben die Menschen, sie seien moralisch, wenn sie gehorchen.

Der moderne Deutsche trägt seine Fesseln mit Stolz. Er nennt sie Verantwortung, Nachhaltigkeit, Solidarität – aber sie sind nichts anderes als Angst in hübscher Verpackung. Angst, abzuweichen. Angst, allein zu stehen. Angst, schuldig zu sein, ohne es zu merken.

Er hat sich eingerichtet im moralischen Koma: Strom aus der Steckdose, Meinung aus dem Fernsehen, Haltung aus der Werbung. Er lebt, als würde er sich selbst verwalten – eine Mischung aus Bürger und Patient, der jeden Tag neue Therapien gegen das eigene Erwachen erfindet.

Die alte Welt des Denkens, Schaffens, Zweifelns – sie war anstrengend, ja. Aber sie war echt.

Heute leben wir im Zeitalter der synthetischen Gefühle. Wir simulieren Empathie, konsumieren Schuld und nennen es Bewusstsein.

Man will das Gute – aber ohne Risiko.

Man will Wahrheit – aber ohne Schmerz.

Man will Veränderung – aber bitte so, dass sich nichts ändern muss.

Und weil auch das nicht reicht, flüchtet man sich in den letzten, sanft duftenden Nebel der Selbsttäuschung: Spiritualität.

Nicht die echte, existentielle, gebrochene – sondern die neue Wohlfühl-Version für saturierte Seelen.

Man redet von Energien, Schwingungen und „Manifestation“, während man nicht einmal das eigene Leben im Griff hat.

Man ruft das Universum um Hilfe, statt den Nachbarn um Verstand.

Man redet von Achtsamkeit, aber kann keinem Menschen mehr in die Augen sehen, ohne dabei ans eigene Karma zu denken.

Diese Esoterik ist keine Suche nach Wahrheit, sie ist eine Flucht vor ihr.

Eine spirituelle Schönheitsoperation für ein kollektives Burnout, das sich selbst „Bewusstseinserweiterung“ nennt.

So wandelt der neue Mensch durch die Ruinen seiner Zivilisation, mit der Attitüde eines Erleuchteten und der Seele eines Schlafwandlers.

Er glaubt, frei zu sein, weil er alles darf – außer sich selbst zu hinterfragen.

Und während die großen Worte – Klima, Vielfalt, Bewusstsein, Energie – wie leere Muscheln am Strand liegen, herrscht das Nichts.

Ein gepflegtes, gut subventioniertes Nichts.

Ein Nichts mit Wärmepumpe, E-Auto, Räucherstäbchen und Fairtrade-Siegel.

Das ist keine Politik, keine Spiritualität, keine Kultur.

Das ist ein kollektiver Rückzug aus der Wirklichkeit.

Doch das Schlimmste ist: Wir wissen es.

Wir wissen es, und wir tun nichts.

Vielleicht ist das die eigentliche Tragödie des modernen Menschen –

nicht seine Dummheit,

sondern seine feige Klugheit.

Er erkennt, dass alles brennt –

und hält trotzdem den Schlauch verkehrt herum,

weil er glaubt, das Feuer sei eine „Energie“,

die man „annehmen“ müsse.

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