31. Dezember 2025 Roberto De Lapuente
Was für ein Jahr! Gut war es. Sehr gut sogar. Wir haben es krachen lassen. 2025 war ein Spitzenjahr – für jeden, der lobotomisiert war.
Nein, mal im Ernst. Man muss auch mal das Gute sehen. Gerade jetzt am Ende des Jahres. Sicher, wir wissen es doch: Auf unseren Seiten steht so viel vom Untergang, von Krieg und Tod, von Endzeitstimmung. Aber es gibt auch noch gute Nachrichten, die man nicht nur erkennen, sondern auch würdigen muss. Das soll heute mal in aller Kürze geschehen, daher die beste Nachricht des Jahres gleich zu Beginn: Wir haben 2025 überlebt! Nein, das ist gar nicht zynisch gemeint, erinnern Sie sich doch zurück, im Laufe des Jahres 2024 sprach man in der deutschen Öffentlichkeit ganz ungeniert und unverhohlen vom Ernstfall. Viele fürchteten für das kommende Jahr das Schlimmste.
Aber siehe da: Die Optimisten hatten verdammt recht! Wir sind noch da. Jedenfalls die, die noch da sind. Die anderen werden an dieser Stelle kaum Widerworte geben wollen. Dazu kommt die Lebenserwartung. Gut, in den unteren Segmenten der Gesellschaft stagniert sie – hier und da ist sie gar rückläufig. Aber wer diese Zahlen mit denen von 1925 vergleicht, ja, selbst wer jene aus den Jahren 1970 oder 1980 heranzieht, muss doch erkennen: Es läuft doch weiterhin großartig! Hurra, wir leben noch! Und hurra, wir leben noch immer lang!
Dysfunktionalität von Weltrang
Dieses endende Jahr war wieder geprägt von Kriegen, von Mord und Totschlag – und eingebettet war das alles in eine politische Infrastruktur des Westens, die es gelernt hat, die Bürger nach ihren Bedürfnissen zu lenken. All das macht es schwierig, die guten Aspekte unserer Lebensform zu erkennen. Doch was haben wir uns Anfang des Jahres vor wirtschaftlichen Verwerfungen gefürchtet! Und jetzt? Die Wirtschaft gibt es noch immer – und es ist kleinlich auf die vielen Pleiten zu sprechen zu kommen und auf die Sorge von Unternehmen, wie sie weiterhin wettbewerbsfähig produzieren können. Manche Autostadt fragt schon mal in Detroit an, ob die vielleicht einen Plan haben, wie man Deindustrialisierung besser managen kann, als jene Metropole in den Vereinigten Staaten einst und heute. Als ob Industrie alles ist! Menschen lebten schon, bevor es die Industrialisierung gab – lebten sie etwa schlechter?
Deutschland hat auch einen Markenkern, den man vehementer vertrat denn je in diesem Jahr. Ich habe es selbst erlebt. Zweimal trieb es mich ins Ausland: Belgien und Österreich – zweimal reiste ich mit der Bahn. Die Hinfahrten waren beide heillos verspätet. Die Rückfahrten starteten immer absolut pünktlich – und die Pünktlichkeit wurde während der Fahrt beibehalten: Bis zur deutschen Grenze. Kaum in Aachen stand der ICE, der von Brüssel bis Grenzübertritt voll im Soll des Fahrplanes lag. Kaum auf deutschem Terrain: Eine Dreiviertelstunde warten. Nach 20 Minuten meldete sich eine Stimme: Personen im Gleisbett. Szenen- und Ortswechsel, Hauptbahnhof Wien: Der ICE zurück war pünktlich – diese Eigenschaft behielt man sich bis zur Grenze bei, bis man in Passau angelangte. Dort stand man eine Stunde – Grund: Die Türen dreier Waggons ließen sich nicht mehr schließen. Eines muss man also sagen: Deutschland bleibt sich treu, man erkennt das Land im Grunde schon in dem Moment, da man seine Grenzen passiert. Man muss diese Dysfunktionalität nicht lieben – doch dass man sie konsequent umsetzt: Das ist wirklich eine Leistung, die man sich hart erarbeitet hat…
Weiterlesen: https://overton-magazin.de/kommentar/gesellschaft-kommentar/it-was-a-very-good-year/?brid=AM0CdUcsLmjeNpBC4isdsw
Kommentar:
Das ist diese bitterböse, messerscharfe Satire, die so tut, als würde sie loben – und dabei alles zerlegt. Und genau darin liegt ihre Stärke. Der Text hält der Gesellschaft keinen Spiegel vor, er hält ihr gleich den ganzen Zerrspiegel hin, bis man merkt, dass das Verzerrte längst der Normalzustand ist.
Was hier seziert wird, ist nicht „das Jahr“, sondern die geistige Selbstbetäubung einer Gesellschaft, die sich ihre eigene Ohnmacht schönredet. Der Ton ist bewusst sarkastisch, fast schon überfreundlich – weil nichts entlarvender ist, als das Absurde ernst zu nehmen und das Absurde konsequent weiterzudenken. Wenn man den Verfall nur freundlich genug formuliert, merkt man plötzlich, wie grotesk er ist.
Der Text trifft einen wunden Punkt: Diese merkwürdige Fähigkeit, jede Katastrophe umzudeuten, bis sie als Fortschritt verkauft werden kann. Wirtschaft am Boden? Chance zur Entschleunigung. Demokratie beschädigt? Ausdruck lebendiger Vielfalt. Infrastruktur im Eimer? Authentische Erfahrung. Das ist keine Satire mehr – das ist eine präzise Diagnose einer Gesellschaft, die sich ihre Ohnmacht schönredet, um nicht handeln zu müssen.
Besonders stark ist, wie das Ganze mit dieser falschen Dankbarkeit spielt: „Seid froh, dass es noch schlimmer sein könnte.“ Das ist die geistige Beruhigungspille einer erschöpften Gesellschaft, die gelernt hat, den eigenen Niedergang als Reifeprozess zu verkaufen. Und genau deshalb wirkt der Text so unangenehm ehrlich – weil er nichts erfindet, sondern nur das ausspricht, was man längst fühlt, aber nicht sagen soll.
Das ist kein Pessimismus. Das ist eine Abrechnung mit dem Optimismus als Betäubungsmittel. Und genau deshalb trifft es.


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