Von Jürgen Mietz | veröffentlicht am 17. Dezember 2025

Die ausbleibende Massenbewegung für eine einflussreiche Friedensbewegung scheint einige Beunruhigung hervorzurufen und Autoren dazu anzuregen, auf die Suche nach möglichen Ursachen zu gehen. Nachdem mein Text „Warum ist die Friedensbewegung keine Massenbewegung“ [1] am 2.10.2025 erschienen war, erschien am 9.10.2025 ein Text von Karim Akerma (Untertitel: Warum fehlt es der Friedensbewegung an kritischer Masse?) mit derselben Thematik „Ausbleibende Massenbewegung“ [2]. In meinem persönlichen Umfeld hat der Artikel vom 2.10.2025 ungewöhnliche Resonanz ausgelöst.

Was mir auffällt: In den meisten Fällen werden die immense strategische und taktische Schläue, die Skrupellosigkeit bei der Schaffung unterstützender Systeme zur Bewusstseinsbildung, der Einsatz von Drohpotenzialen durch die herrschenden Politikkreise hervorgehoben. Unterbelichtet bleibt, dass alle Schritte und Interventionen durch die Köpfe der Menschen hindurchmüssen. Wenn der Gegner so erfolgreich ist, haben „wir“ es offensichtlich mit einem Erkenntnis-, Bewusstseins- und Organisierungsproblem zu tun, sowohl bei denen, die sich berufen fühlen, „aufzuklären“ als auch bei denen, die in Passivität verharren. Einfacher gesagt: Was „übersehen“ wir, wenn wir daran scheitern, andere aus ihrer Passivität herauszuführen, obwohl die doch lebensgefährlich ist? Offensichtlich verstehen wir etwas nicht im ersehnten Prozess der Aktivierung. Mit einigen der subjektiven Seiten, die dabei eine Rolle spielen könnten, will ich mich hier noch einmal befassen.

Die Frage der Mitwirkung an der eigenen Unterdrückung

Die Machenschaften der Neocons, die Kaltblütigkeit der Finanzhaie und die Skrupellosigkeit ihrer Kriege, die sie nach außen und nach innen führen (Warren Buffet geht von einem Klassenkampf aus), anzuprangern, ist das eine. Es ist zweifellos wichtig und erforderlich, das zu tun. Die andere Seite ist aber, dass darin eine Schuld- und Verantwortungsabweisung liegt, weg von der eigenen Person und Organisation, hin zur „bösen“ Autorität des anderen.

Das ist entlastend und knüpft an frühe Muster der Erziehung und des Aufwachsens an („der andere ist schuld“ – „ich bin entlastet“). Impulse, eigene Vitalitätsäußerungen der frühen Kindheit stoßen an ein strenges Normensystem, an angstvolle Eltern, mit falscher Erziehung die Zukunft des Nachwuchses zu gefährden. Die herrschenden Normen erfahren sie selbst in ihrem Lebens- und Arbeitsumfeld. Sie machen sie zur Grundlage ihrer Botschaften an das Kind. Leistung und Anpassung werden wichtiger als das Selberdenken, als das Entschlüsseln der kindlichen Botschaften, als Kritik und Selbstkritik. Der eigenen Wahrnehmung, die sich im freien Zusammenspiel mit der Umwelt bildet, nachzugehen, wird zu einem Risiko.

So wie unsere Gesellschaft strukturiert ist, ist in ihr und in ihrer Lebensorganisation nicht „vorgesehen“, dass Menschen sich zu autonomen Persönlichkeiten entwickeln, wohl aber, dass es so scheint, als täten sie es. Man kann das beispielsweise bei Hans-Joachim Maaz oder bei Arno Gruen nachlesen [3].

In einem strengen Rahmen von Funktionalitäts- und Gehorsamsforderungen kann sich ein autonomes Selbst, wie Gruen es nennt, kaum entwickeln. Dieses Muster ist wie gemacht für Machtausübung und Unterwerfung, über Generationen hinweg.

Weiterlesen: https://free21.org/friedensbewegung-frei-offen-selbstkritisch/?brid=AM0CdUcsLmjeNpBC4isdsw

Hinterlasse einen Kommentar