…ohne sich wirklich zu kennen.
Nicht aus Zufall, sondern aus Druck.
Krisen erzeugen Nähe – nicht unbedingt Verbindung.
Corona war so ein Moment. Kein Ursprung, sondern ein Brennglas. Was vorher latent war, wurde sichtbar: Angst, Autoritätsgläubigkeit, Anpassung – aber auch Mut, Zweifel, Widerspruch. Viele traten hervor. Manche laut. Manche leise. Manche nur für einen Augenblick.
Ich habe damals Verantwortung übernommen. Öffentlich, sichtbar, angreifbar. Nicht, weil ich mich berufen fühlte, sondern weil mir klar war: Wenn niemand aufsteht, bleibt nur das Schweigen. Demonstrationen organisiert man nicht, weil es Spaß macht, sondern weil man bereit ist, etwas zu verlieren – Ansehen, Sicherheit, Beziehungen. Und, ich habe einiges riskiert und auch verloren…bis zum heutigen Tag.
Und ja: Menschen kamen meinetwegen. Nicht wegen eines Plakats, nicht wegen eines Slogans, sondern wegen Haltung. Das ist kein Selbstlob, sondern eine nüchterne Feststellung. Haltung zieht an. Vor allem Menschen, die selbst noch keine haben.
Heute, ein paar Jahre später, ist vieles verschwunden.
Chats sind still. Gruppen leer. Profile umbenannt.
Die meisten von damals engagieren sich nicht mehr. Einige sprechen von „Heilung“. Andere von „bei sich angekommen sein“. Viele sagen gar nichts mehr.
Das irritiert – aber es überrascht nicht mehr.
Denn rückblickend wird klar:
Für viele war der Widerstand kein politisches Fundament, sondern ein emotionaler Zustand. Ein Ort von Zugehörigkeit, Aufregung, Intensität. Eine Zeit, in der man gesehen wurde, Teil von etwas war, ohne langfristig Verantwortung zu tragen.
Der Widerstand als Phase.
Nicht als Haltung.
Krisen haben diese seltsame Eigenschaft: Sie versammeln Menschen mit sehr unterschiedlichen Motiven unter einem Dach. Die einen wollen verändern. Die anderen wollen fühlen. Die einen halten Spannung aus. Die anderen brauchen sie.
Solange der Druck hoch ist, funktioniert das.
Wenn der Druck nachlässt, zerfällt es.
Was bleibt, sind die Wenigen, die auch ohne Applaus, ohne Gemeinschaftsrausch, ohne Gegnerbild weitermachen. Nicht, weil sie müssen, sondern weil sie nicht anders können. Haltung ist für sie kein Zustand, sondern eine Struktur.
Der Rest zieht sich zurück.
Ins Private. Ins Spirituelle. In Beziehungen.
Oder in Erklärungen, die nach Reife klingen, aber oft Vermeidung sind.
„Ich habe gemerkt, dass mir das nicht gut tut.“
„Ich will mich nicht mehr mit negativer Energie beschäftigen.“
„Ich bin jetzt bei mir.“
Das alles mag subjektiv stimmen. Aber gesellschaftlich hat es eine Konsequenz:
Rückzug statt Auseinandersetzung.
Dass sich dieses Muster nicht nur politisch, sondern auch in Beziehungen zeigt, ist kein Zufall. Wer Konflikte meidet, meidet sie überall. Wer Nähe nur erträgt, solange sie angenehm ist, zieht sich zurück, sobald sie bindend wird. Politisch wie privat.
So verschwinden Menschen nicht nur aus Bewegungen, sondern auch aus Beziehungen: wortarm, blockierend, mit Floskeln statt Verantwortung. Das ist kein individuelles Versagen – es ist ein kulturelles Muster.
Eine Gesellschaft, die Verbindlichkeit verlernt, bringt auch keinen nachhaltigen Widerstand hervor.
Was mich heute weniger enttäuscht als früher:
Nicht, dass viele gegangen sind.
Sondern dass ich inzwischen verstehe, warum.
Nicht jeder, der in einer Krise auftaucht, ist dafür gemacht, sie auszuhalten.
Nicht jeder, der Nähe sucht, kann Verantwortung tragen.
Nicht jeder, der laut war, bleibt, wenn es still wird.
Haltung zeigt sich nicht im Ausnahmezustand.
Sie zeigt sich danach.
Wenn niemand mehr hinschaut.
Wenn nichts mehr zu gewinnen ist.
Wenn man trotzdem bleibt.
Ich war damals da.
Ich bin heute noch da.
Und ich weiß inzwischen: Das ist kein Verdienst. Es ist eine Konsequenz dessen, wer man ist.
Der Widerstand ist kleiner geworden.
Aber klarer.
Und vielleicht ist das der Preis von Reife:
zu erkennen, dass Tiefe selten ist –
und Beständigkeit noch seltener.
Eine notwendige Einordnung
Corona war kein Charaktertest im moralischen Sinne – aber es war ein Strukturtest.
Nicht: „Wer ist gut, wer ist böse?“
Sondern: Wer denkt selbst, wer delegiert Denken – und wer hält Widerspruch aus?
Es stimmt:
Wäre es eine echte, hochletale Pandemie gewesen, wären Leugnung und Verharmlosung gesellschaftlich brandgefährlich gewesen.
Das ist kein Randargument, sondern ein zentraler Punkt.
Gleichzeitig gilt aber auch:
In dem Moment, in dem staatliche Maßnahmen, Dateninterpretationen und Machtentscheidungen widersprüchlich, politisiert und immun gegen Kritik wurden, war Skepsis kein Charakterfehler mehr – sondern eine demokratische Pflicht.
Der eigentliche Bruch verlief nicht zwischen „Gläubigen“ und „Ungläubigen“,
sondern zwischen kritikfähigen und autoritätshörigen Denkmodellen.
Was viele bis heute nicht begreifen wollen:
Man kann früh skeptisch gewesen sein, ohne alles richtig zu sehen.
Man kann später Zweifel entwickelt haben, ohne moralisch minderwertig zu sein.
Und man kann recht behalten, ohne daraus Überlegenheit abzuleiten.
Der eigentliche Schaden entstand nicht durch Irrtum, sondern durch Unfähigkeit zur Korrektur.
Durch ein System, das Zweifel delegitimierte, statt sie zu prüfen.
Durch Medien, die Komplexität durch Moral ersetzten.
Und durch eine Gesellschaft, die Konformität mit Anstand verwechselte.
Was bleibt, ist eine unbequeme Wahrheit:
Aufklärung ist kein Moment.
Sie ist ein Prozess – und er braucht Zeit, Brüche, Verluste.
Nicht jeder kann, darf oder will diesen Schritt gleichzeitig gehen.
Und niemand wird aufgeklärt, indem man ihn beschämt.
Der entscheidende Punkt ist daher nicht, wer wann recht hatte,
sondern wer heute bereit ist, Macht grundsätzlich infrage zu stellen – auch dann, wenn es unbequem wird, keinen Applaus bringt und soziale Kosten hat.
Selbstverantwortliches Denken ist keine Haltung, die man einmal erreicht.
Es ist eine Praxis, die man immer wieder neu verteidigen muss –
gegen Systeme, gegen Narrative, und manchmal auch gegen sich selbst.
Die Geschichte wird urteilen.
Aber sie wird weniger fragen, wer stolz war,
sondern wer lernfähig blieb.
Zum Zustand unserer Gesellschaft
Was ich gerade empfinde, ist mehr als persönliche Enttäuschung.
Es ist ein Symptom.
Wir leben in einer Zeit, in der Rückzug als Reife verkauft wird, Vermeidung als Selbstfürsorge und Blockieren als Grenze. In Wahrheit ist es oft das Gegenteil: der Verlust von Konfliktfähigkeit, Verantwortung und Bindung.
Menschen verschwinden heute lautlos.
Aus Beziehungen.
Aus Gesprächen.
Aus politischem Engagement.
Aus Haltung.
Nicht, weil sie nichts mehr fühlen – sondern weil sie Nähe, Spannung und Verantwortung nicht mehr aushalten.
Krisen haben in den letzten Jahren vieles sichtbar gemacht.
Sie haben Menschen zusammengeführt, aber nicht alle verbunden.
Viele waren da, solange es intensiv war. Solange es Bedeutung, Gemeinschaftsgefühl und moralische Aufladung gab.
Als es stiller wurde, sind sie gegangen.
Zurück blieben Floskeln:
„Ich bin jetzt bei mir.“
„Das tut mir nicht gut.“
„Ich brauche Abstand.“
Alles Sätze, die individuell stimmen mögen – gesellschaftlich aber eine Leerstelle hinterlassen.
Denn eine Gesellschaft, die Konflikte meidet, kann sich nicht erneuern.
Eine Bewegung, die Verbindlichkeit scheut, hält nicht.
Und Beziehungen, die beim ersten Ernst abbrechen, sind kein persönliches Drama, sondern Ausdruck eines kollektiven Defizits.
Wir haben gelernt, uns selbst zu schützen – aber verlernt, füreinander Verantwortung zu tragen.
Wir reden viel über Grenzen, aber wenig über Standhalten.
Über Selbstachtung, aber kaum über Zumutungstoleranz.
Über Heilung, aber nicht über Pflicht.
Das Ergebnis ist eine Kultur des Wegduckens:
Man geht nicht mehr.
Man erklärt nicht mehr.
Man blockiert.
Privat wie politisch.
Und genau deshalb wiederholt sich das Muster überall:
Menschen tauchen auf, wenn es trägt – und verschwinden, wenn es bindet.
Sie wollen Nähe, aber keine Konsequenzen.
Bedeutung, aber keine Dauer.
Haltung, aber nur solange sie nichts kostet.
Was bleibt, sind die Wenigen, die nicht gehen, wenn es unbequem wird.
Nicht aus Heldentum, sondern weil sie wissen:
Verantwortung endet nicht dort, wo es unangenehm wird – sie beginnt dort.
Diese Klarheit ist schmerzhaft.
Aber sie ist notwendig.
Denn Enttäuschung ist kein persönliches Scheitern.
Sie ist eine Diagnose.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem wir wieder anfangen müssen:
nicht mit mehr Schutz,
sondern mit mehr Verbindlichkeit.


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