Deal und Kitsch

Trump, die Menschheitsfamilie und die Idee, dass der Frieden „im Inneren“ beginnt. Ein Beitrag über die Irrwege der Corona-Dissidenz.

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Zusammengefasst:

Deal und Kitsch – Thesen in kompakter Form

Trump verkörpert keinen Bruch mit dem globalen Macht- und Kapitalsystem, sondern dessen radikal vereinfachte Erscheinung: Deal statt Politik, Reduktion statt Analyse, Macht statt Geist; er ist nicht Alternative, sondern Manifestation eines zivilisatorischen Zustands, nicht dessen Gegner.

Ein Teil der Corona-Dissidenz hoffte, Trumps Destruktionspolitik könne globale Kontrollstrukturen aufbrechen und Raum für neue Ordnungen schaffen, tatsächlich aber stabilisierte die Destruktion das System in primitiverer Form, während sich Kapital, Tech-Eliten und geopolitische Machtzentren nicht auflösten, sondern neu ordneten.

Der Deal ist die Kardinalsfigur der Unterkomplexion, weil er bedeutet, dass alles verhandelbar, alles reduzierbar und alles zur Zahl wird, wodurch Geist, Ethik, Geschichte und Leiden zu Variablen degradiert werden, Politik zum Markt verkommt und Frieden zur Transaktion wird, was nicht pragmatisch, sondern erkenntnisfeindlich ist.

Viele, die die Corona-Politik als Menschheitsverbrechen bezeichnen, akzeptieren oder relativieren zugleich Krieg, Bombardierungen, Entführungen und geopolitische Gewalt, was kein Zufall ist, sondern Ausdruck von Lagerdenken, Identitätsbindung und selektiver Empörung, wodurch die eigene Argumentation selbst entwertet wird.

Der Begriff „Menschheitsfamilie“ erklärt nichts, analysiert nichts und unterscheidet nichts, sondern erzeugt Zugehörigkeitsgefühl, Wohlfühlmoral und Konfliktvermeidung und dient damit nicht der Erkenntnis, sondern der Sedierung und faktisch der Systemstabilisierung.

Kitsch wirkt, indem er Reflexion suspendiert, Komplexität vereinfacht und Widersprüche überdeckt; Formeln wie „Wir sind alle eins“, „Menschheitsfamilie“ oder „Frieden beginnt im Innern“ beruhigen, entpolitisieren und entmachten und ersetzen Denken durch Identifikation.

Die Formel „Frieden beginnt im Innern“ wird missbraucht als Ersatz für Analyse, Ersatz für Verantwortung und Geschäftsmodell für Coaching, Vorträge und Bücher, obwohl innere Arbeit hochkomplex ist und ihre Reduktion auf Parolen Teil desselben Primitivismus bleibt wie der Deal.

Nicht Trump erzeugt den Zustand der Welt, sondern geistige Erosion, Komplexitätsverweigerung, kapitalistische Totalverwertung und digitale Reduktion, weshalb Trump lediglich der expressive Ausdruck dieser Verhältnisse ist und nicht ihre Ursache.

Wahre Systemkritik erfordert Machtanalyse, Kapitalanalyse, psychologische Analyse und historische Analyse und nicht Personenkult, Kitschbegriffe, spirituelle Ersatzhandlungen oder Deal-Fantasien.

Die größte Illusion der Corona-Dissidenz ist nicht Trump, sondern der Glaube, man könne ohne Denken, ohne Konflikt und ohne Machtanalyse in eine „Menschheitsfamilie“ flüchten, denn Deal und Kitsch sind zwei Seiten derselben Unterkomplexion – der eine ökonomisch, der andere emotional – und beide verhindern Erkenntnis und Veränderung.


Was mich an diesem Text so traurig stimmt, ist nicht seine Schärfe, sondern seine Diagnose: Wir haben das Denken gegen Parolen getauscht, die Menschlichkeit gegen Selbstvergewisserung, den Geist gegen Wohlgefühl. „Menschheitsfamilie“, „Frieden beginnt im Innern“, „wir dürfen nicht spalten“ – das klingt warm, klingt gut, klingt nach Moral. Aber es ist hohl. Es erklärt nichts. Es verändert nichts. Es beruhigt nur das eigene Gewissen. Und genau darin liegt der Verrat an der Wirklichkeit.

Wo ist die Menschlichkeit geblieben, wenn Bomben fallen und wir darüber diskutieren, ob das geopolitisch „kompliziert“ sei? Wo ist sie geblieben, wenn man bei Impfzwang von Menschheitsverbrechen spricht, aber zehntausend tote Kinder in Gaza als Kollateralschaden relativiert? Das ist keine Humanität, das ist selektive Empathie. Moral nach Lagerzugehörigkeit. Mitgefühl mit Filter.

Die große Tragödie ist: Alle wollen recht behalten, kaum einer will verstehen. Jeder trägt seine Wahrheit wie eine Monstranz vor sich her, aber niemand hält mehr inne. Denken gilt als Schwäche, Zweifel als Verrat, Komplexität als Zumutung. Unterkomplexion ist zur Tugend geworden. Man reduziert die Welt auf Deals, Schlagworte, Feindbilder – und nennt das dann Klarheit. In Wahrheit ist es geistige Verarmung.

Der Kitsch hat gesiegt, weil er keine Anstrengung verlangt. „Wir sind eine Menschheitsfamilie“ tut nicht weh. Es kostet nichts. Es verpflichtet zu nichts. Man kann es sagen und danach ganz normal weitermachen: Vorträge verkaufen, Bücher vermarkten, Reichweite pflegen, sein Lager bedienen. Frieden wird zur Ware, Spiritualität zur PR, Menschlichkeit zur Dekoration. Das ist nicht böse im klassischen Sinn – es ist banal. Und gerade deshalb so gefährlich.

Vielleicht ist das Bitterste: Dass selbst der Corona-Widerstand, der einst mit dem Anspruch antrat, Wahrheit gegen Macht zu stellen, nun selbst im Wohlfühlnebel gelandet ist. Statt Systemkritik gibt es Identitätsmanagement. Statt Analyse gibt es Zugehörigkeit. Statt Verantwortung gibt es Kitschformeln. Und wer darauf hinweist, gilt als Spalter.

Was bleibt, ist ein leiser Verdacht: Menschlichkeit ist anstrengend. Sie verlangt, den eigenen Widerspruch auszuhalten. Sie verlangt, auch dort hinzusehen, wo es dem eigenen Weltbild schadet. Sie verlangt, nicht nur Opfer zu benennen, die politisch passen. Und genau das scheint kaum noch jemand zu wollen.

Vielleicht ist unsere Zeit nicht zynisch, sondern müde. Müde vom Denken. Müde vom Aushalten. Müde von Wahrheit. Und so flüchtet sie sich in einfache Sätze und große Gefühle. Aber unter diesen Gefühlen liegt etwas Kaltes: die Angst, dass man selbst leer geworden ist.

Wenn jeder nur noch recht behalten will, stirbt das Gespräch. Wenn jeder glaubt, die Welt mit drei Schlagworten erklären zu können, stirbt der Geist. Und wenn Menschlichkeit nur noch gesagt, aber nicht mehr gelebt wird, dann bleibt von ihr nichts als ein Etikett auf einer Ware namens Hoffnung.

Der Corona-Widerstand hat es versäumt, aus der Empörung tragfähige Strukturen zu bauen – stattdessen zerfiel er in Lager, Personenmythen und Geschäftsmodelle. Wo Organisation, Selbstkritik und langfristige Strategie nötig gewesen wären, blieb es bei Gefühlspolitik und dem kindischen Reflex, recht zu behalten statt auf Dauer handlungsfähig zu werden.

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