Christian Witt
Bericht Christian Witt:
Wenn man Sylvie-Sophie Schindler zum ersten Mal im wirklichen Leben begegnet, bekommt man eine Ahnung davon, welche Ausstrahlung und Wirkung Philosophen und Schauspieler im Altertum gehabt haben könnten – wie sie das Miteinander der Menschen in Bewegung brachten, Gedanken anstießen und Erörterungen belebten.
Ich erlebte sie in einem Eckgeschäft in Friedenau bei einer Lesung ihres Buches „Anarchie – jetzt oder nie“. Es war bewegend, diskussionsreich und zugleich erstaunlich – getragen von vielen guten Stimmen und klugen Fragen. Es war ein gutes Erlebnis, das man gerne weiter vertiefen kann: eine Gelegenheit, sich mit Fragen der Selbstwirksamkeit und eines herrschaftslosen Miteinanders auseinanderzusetzen. Gerade in Zeiten zunehmender Überformung und Durchdringung durch zentrale Machtstrukturen erscheint das notwendiger denn je.
Die Sehnsucht nach dem Retter
Schindler begann nicht mit einer akademischen Definition, sondern mit einer kleinen Szene, fast wie ein Theaterstück. Da war die Frage nach dem Retter, nach dem einen, der kommen und alles ordnen soll. „Wo ist er denn, der Retter?“, rief sie sinngemäß. „Es muss doch endlich jemand kommen und uns retten.“ In dieser Zuspitzung lag bereits der ganze Kern ihres Abends: die Kritik an einer Gesellschaft, die sich selbst kleinmacht und immer wieder nach einer starken Hand ruft.
Gerade in Krisenzeiten, so ihr Gedanke, werde die Gesellschaft anfällig für Messias-Fantasien. Dann genüge schon die bloße Vorstellung eines Hoffnungsträgers, und viele seien bereit, erneut zu glauben, erneut zu warten, erneut ihre eigene Kraft an eine Figur abzugeben, die ihnen Erlösung verspricht. Doch genau darin liege die alte Falle. Denn die Opposition, so verführerisch sie in ihren Versprechen auch auftrete, bleibe solange attraktiv, wie sie Opposition sei. Sobald sie sich bewähren müsse, komme oft Ernüchterung.
Damit war rasch der Boden bereitet für eine grundsätzliche Absage an das Vertrauen in Parteien. Seit wann, fragte Schindler, bekommen Wähler tatsächlich das, was ihnen vor Wahlen versprochen wurde? Wie oft will man noch erleben, dass der Wille des Bürgers missachtet, verdreht oder übergangen wird – und trotzdem immer wieder denselben Mechanismus bedienen? Ihr Bild war drastisch, aber einprägsam: Wer einmal erfahren habe, dass eine Wand nicht durchlässig ist, renne nicht freiwillig immer wieder dagegen. Wer einmal ein heißes Bügeleisen angefasst habe, tue das nicht aus Gewohnheit ein zweites Mal. Der politische Lernprozess aber scheine bei vielen auszubleiben.
Misstrauen gegen das System, nicht nur gegen einzelne Parteien
Der entscheidende Punkt ihrer Kritik war dabei nicht die Abneigung gegen eine einzelne Partei oder einen einzelnen Politiker. Es ging ihr gerade nicht darum, die einen durch die anderen zu ersetzen. Ihr Satz war härter: Allen Parteien sei zu misstrauen. Nicht, weil alle Menschen darin gleich wären, sondern weil das System sie forme, begrenze und in eine Logik zwinge, die nicht dem guten Leben der Menschen diene, sondern dem Fortbestand des Politischen als Machtform.
Parteien, ob Regierung oder Opposition, könnten gar nicht anders, als das bestehende Spiel zu bedienen. Sie seien eingebunden in Markt, Staat, Verwaltung, Kapital, internationale Abhängigkeiten, taktische Kommunikation und Machterhalt. Aus diesem Gefüge könne keine wirkliche Freiheit kommen. Nicht das Wohl der Menschen stehe im Zentrum, sondern der Selbsterhalt des Apparats. Der Gang zur Wahl erscheine deshalb nicht als Ausdruck von Souveränität, sondern als Teilnahme an einem Vorgang, in dem man die eigene Ohnmacht immer wieder neu beglaubige.
Schindler formulierte das radikal, fast provokativ: Wenn man nicht nur überleben, sondern wirklich gut leben wolle, müsse man darauf hinwirken, dass politische Betriebe irgendwann schließen. Nicht mit Gewalt, nicht durch Umsturz, nicht durch Mistgabeln und Waffen – sondern dadurch, dass sie überflüssig werden. Dass Menschen lernen, die Dinge selbst zu organisieren, im Kleinen und dann in wachsender Verdichtung auch im Größeren.
Kein Aufruf zur Gewalt, sondern zur Entwöhnung
Gerade weil der Begriff Anarchie im öffentlichen Denken sofort mit Chaos, Brandstiftung und Gewalt verbunden wird, legte Schindler großen Wert auf die Abgrenzung. Nein, das sei kein Aufruf zum Umsturz. Kein Appell, zu den Waffen zu greifen. Keine romantische Gewaltfantasie. Vielmehr sei es die nüchterne Konsequenz aus einer Bestandsaufnahme: Wenn etwas ausgedient hat, probiert man etwas Neues aus.
Interessant war, dass sie dabei nicht nur Politiker im engeren Sinn meinte. Auch Oligarchen, Milliardäre, Vermögensnetzwerke und jene „Hintermänner“, die in symbiotischer Verschmelzung mit politischen Entscheidern leben, gehörten für sie zu derselben Machtarchitektur. Auch sie sollten nicht herrschen. Sollten sie auf ihren Yachten Champagner trinken oder Richtung Mars aufbrechen – umso besser. Nur über das Leben anderer hätten sie nichts zu sagen.
Damit bekam der Abend eine Klarheit, die vielen politischen Debatten fehlt. Es ging nicht um links gegen rechts, nicht um die bessere Verwaltungsform des Bestehenden, nicht um moralische Rechthaberei. Es ging um die Frage, ob Menschen lernen können, ihr Zusammenleben aus der Logik der Herrschaft herauszulösen.
Was Anarchie in diesem Zusammenhang bedeutet
Schindler versuchte den Begriff möglichst schlicht zu machen. Anarchie, so sagte sie sinngemäß, heiße zunächst einmal nur: ohne Herrschaft. Keine Hierarchie, keine übergeordnete Macht, niemand, der von oben mit Gewalt durchsetzt, was andere zu tun haben. Keine Instanz, die dauerhaft voransteht und über andere verfügt.
Wichtig war dabei ihr eigener Verzicht auf die Pose des Entwurfsverfassers. Sie wollte gerade nicht die neue Führungsfigur sein, die nun erklärt, wie alles richtig zu laufen habe. Das wäre, in ihrer eigenen Logik, schon wieder der Einstieg in Hierarchie. Sie bot daher kein fertiges Modell an, keine Schablone, keinen Zehn-Punkte-Plan. Was sie anbot, war eher eine Denkbewegung, ein gemeinsamer Suchprozess, ein Raum für Experimente.
Dass sie das ernst meinte, zeigte sich auch in der Form des Abends. Immer wieder unterbrach sie sich, lud zum Widerspruch ein, ließ Zwischenrufe zu und machte darauf aufmerksam, dass bereits die Sitzordnung – eine redet, die anderen hören zu – eine Machtstruktur reproduziere. Selbst dort, wo man aus praktischen Gründen etwas anordnet, arbeite schon das alte Muster mit. Nicht einmal die Stühle, sagte sie sinngemäß, seien unschuldig.
Das Sensorium für Macht im Kleinen
Besonders eindrücklich war, wie Schindler über Macht nicht nur im großen staatskritischen Maßstab sprach, sondern in den kleinen Gesten des Alltags. Die Höhe der Stühle beim Elternabend. Der Tonfall, mit dem jemand eine Tür aufdrückt. Die gewohnte Anordnung eines Raumes. Die Art, wie jemand auftritt und andere kleinmacht, noch ehe ein einziges politisches Wort gefallen ist.
Man merkte, dass hier nicht einfach ein Begriff verhandelt wurde, sondern ein Sensorium. Schindler sprach davon, dass sie immer schon empfindlich gewesen sei, wenn jemand „mit Macht“ auf sie zukam. Diese Empfindlichkeit wirkte nicht hysterisch, sondern geschärft. Sie wollte zeigen: Macht beginnt nicht erst im Gesetzblatt, sondern oft viel früher – in der Selbstverständlichkeit, mit der Hierarchie in Räume, Gesten und Haltungen einsickert.
Das machte den Reiz des Abends aus. Anarchie erschien dadurch nicht als fernes Ideengebäude, sondern als Frage der Wahrnehmung. Wie sehr haben wir uns an Gewalt, Steuerung, Druck, Bürokratie und Bevormundung gewöhnt, ohne es noch zu bemerken? Wie normal ist uns das Absurde geworden?
Der Mensch ist nicht zuerst ein politisches Wesen
Ein weiterer Strang des Abends war anthropologisch, fast philosophisch im engeren Sinn. Schindler widersprach der Vorstellung, der Mensch sei im Kern ein politisches Wesen. Der Mensch, so ihr Gegenakzent, werde geboren, um zu leben – nicht um verwaltet, repräsentiert und in Lager sortiert zu werden. Sie sprach davon, „als Mensch unter Menschen“ zu stehen und gerade keiner Partei, keinem Lager, keinem ideologischen Block anzugehören.
Das war auch eine Erklärung dafür, weshalb sie sich der gewohnten Einordnung links oder rechts entzog. Ihre Position wolle gerade nicht auf der gewohnten Achse funktionieren. Denn wer in diesen Rasterungen denke, bleibe im Spiel der politischen Zuschreibungen gefangen. Das freie Gegenüber, der wirkliche Mensch, verschwinde dann hinter Rolle, Lager und Funktionszuweisung.
Besonders stark wurde das, als sie das Verhältnis von Regierenden und Regierten umdrehte. Politiker, so sagte sie sinngemäß, seien Diener. Sie stünden nicht über den Menschen, sondern hätten ihnen zu dienen. Die roten Teppiche müssten eigentlich andersherum ausgerollt werden. Nicht der Bürger solle sich vor der politischen Klasse verneigen, sondern die politische Klasse habe für die Menschen zu arbeiten. Dass diese Ordnung sich ins Gegenteil verkehrt habe, war für sie ein Symptom einer tiefen Entfremdung.
Die große Absage an die Kleinmacherei
Überhaupt war eines der Leitmotive des Abends die Weigerung, sich kleinmachen zu lassen. Politik, so Schindler, könne die Menschen gar nicht groß denken. Sie müsse sie klein denken, damit sie funktionieren. Damit sie geführt werden wollen. Damit sie glauben, ohne Leitung, Apparat und Autorität nicht lebensfähig zu sein.
Dem setzte sie ein fast zärtliches Menschenbild entgegen. Immer wieder sprach sie davon, dass jeder Mensch groß sei, fähig, begabt, verantwortlich, im Grunde viel reicher an Möglichkeiten, als die politische Ordnung es zulasse. Das war kein naiver Optimismus, eher eine Art trotzige Erinnerung. Gerade weil die Gesellschaft infantil geworden sei, gerade weil sie nach dem Retter suche und Verantwortung abgeben wolle, müsse man an diese eigene Größe erinnern.
Man konnte das pathetisch finden. Aber es hatte Kraft, gerade weil es nicht aus staatspädagogischem Ton kam, sondern gegen ihn gerichtet war. Nicht mehr Untertan im Wartestand sein, sondern anfangen, sich selbst und andere wieder als handlungsfähig zu begreifen – das war eine der stärksten Linien des Abends.
Anarchie als Liebeserklärung und Zumutung
Schindler nannte ihr Buch eine „Liebeserklärung an den selbstbestimmten Menschen“. Das war nicht zufällig gewählt. Denn in ihrer Darstellung ist Anarchie nicht bloß Negation – nicht bloß Ablehnung von Staat, Herrschaft und Bürokratie –, sondern zugleich eine positive Zumutung: Wenn niemand mehr über dir steht, musst du selbst aufstehen.
Genau deshalb betonte sie auch, dass Anarchie kein bequemer Prozess sei. Kein weicher Schokoriegel, den man über harte Wahrheiten schiebt, um sie angenehmer zu machen. Keine gemütliche Utopie mit sanften Farben und Wohlfühlfloskeln. Sondern Aufbruch, Risiko, Arbeit. Ein Bild, das sie dafür gebrauchte, war bezeichnend: Anarchie sei keine Wanderung im Schwarzwald, sondern eher ein Aufbruch zum Mount Everest.
Das heißt: Mühe, Übung, Selbstdisziplin, Konfliktfähigkeit. Nicht autoritäre Disziplin, sondern innere Arbeit. Sie sprach vom „Athleten“ im Menschen und griff damit Gedanken auf, die sie mit Peter Sloterdijk verband: Der Mensch als Übender, als jemand, der sein Leben nicht nur erträgt, sondern an ihm arbeitet. Wer Freiheit wolle, müsse etwas investieren. Mentale Kraft, Ausdauer, Bereitschaft zur Auseinandersetzung – gerade mit sich selbst.
Ohne Selbsterkenntnis keine herrschaftsfreie Ordnung
An diesem Punkt wurde der Abend besonders interessant. Denn Schindler beließ es nicht bei der Systemkritik. Sie sprach sehr entschieden davon, dass herrschaftsfreie Strukturen ohne Selbsterkenntnis nicht tragfähig seien. In Deutschland, in der Schweiz, in Österreich habe sie viele Gemeinschaften und Graswurzelprojekte gesehen, sagte sie sinngemäß. Oft seien sie organisatorisch beeindruckend: gute Beete, gute Häuser, praktische Ordnung. Aber auf der zwischenmenschlichen Ebene kehrten dann dieselben Konflikte wieder. Gekränktheit, Eitelkeit, Verletzung, Projektion, alte Muster.
Damit rückte sie die Frage von innen nach außen: Wenn der Mensch seine eigenen Abgründe nicht kennt, wird er sie auf andere projizieren. Dann bekämpft er im anderen, was er in sich selbst nicht ansehen will. Dann bleibt Krieg – in Beziehungen, Gruppen, Gemeinschaften und am Ende auch politisch – ein Dauerzustand. Der Weg zu einer anderen Ordnung beginne daher nicht allein mit Institutionen, sondern mit einer Art innerer Wahrhaftigkeit.
Sie berief sich dabei auf Motive aus Psychoanalyse und Tiefenpsychologie, nannte Erich Fromm, Carl Gustav Jung, auch Ingeborg Bachmann. Krieg sei nicht nur an der Front. Krieg sei überall dort, wo Projektion, Verdrängung und Feigheit vor der eigenen Dunkelheit herrschen. Deshalb müsse die Arbeit am Selbst Teil jeder anarchischen Praxis sein. Sonst produziere man nur neue Formen alter Herrschaft.
Keine Heiligenscheine
Bemerkenswert war, wie sehr Schindler dabei auch die moralische Pose ablehnte. Sie wolle nicht gut sein, sagte sie sinngemäß, sondern ganz. Das erinnert an Jung, und sie nahm diese Linie ausdrücklich auf. Nicht die weiße Weste, nicht das makellose Ich, nicht die politisch saubere Erscheinung sei das Ziel, sondern der ganze Mensch – mit Brüchen, Schatten, Widersprüchen.
Eine ihrer kleinen Alltagsgeschichten brachte das plastisch auf den Punkt. Ein Mitbewohner habe ihr einmal im Streit zugerufen, sie sei ekelhaft. Statt zurückzuschlagen oder sich empört zu verteidigen, habe sie geantwortet: Ja, stimmt, aus deiner Sicht bin ich gerade ekelhaft. In diesem Moment, so erzählte sie, sei etwas aus der Eskalation herausgenommen worden. Nicht taktisch, sondern weil sie gelernt habe, nicht sofort in Abwehr zu gehen.
Darin lag ein ernster Gedanke: Herrschaftsfreies Miteinander setzt voraus, dass nicht jeder Konflikt sofort als Angriff auf das eigene Selbstbild erlebt wird. Dass man Widerspruch, Schatten und Unvollkommenheit aushält. Dass man nicht ständig heilig sein will, sondern ehrlich. Auch darin lag ein Kern ihrer Vorstellung von Freiheit.
Warum historische Anläufe scheiterten
In der Diskussion kam natürlich die Frage auf, weshalb anarchistische Anläufe historisch oft niedergeschlagen wurden oder scheiterten. Spanien, verschiedene linke Experimente, blutige Episoden – all das stand im Raum. Schindler wich dem nicht aus. Ja, es habe Anarchisten gegeben, die mit Gewalt verbunden waren. Aber im Verhältnis zu den Blutbilanzen staatlicher Ordnungen erscheine das, so ihre pointierte Formulierung, wie eine kleine Pfütze. Die großen Kriege, die zahllosen bewaffneten Konflikte der Gegenwart, gingen eben nicht auf das Konto von Anarchisten.
Wichtiger war ihr aber die Frage, warum freie Zusammenschlüsse immer wieder an inneren Problemen scheitern. Ihre Antwort lautete: weil der Mensch sich selbst nicht genügend mitnimmt. Weil Gemeinschaft allein auf äußerer Organisationsebene nicht reicht. Weil Selbstbestimmung ohne Selbstkenntnis instabil bleibt. Darin lag ihr eigener Zusatz, ihr Versuch, den alten anarchistischen Gedanken um eine ausdrücklich psychologische und existenzielle Dimension zu erweitern.
Emergenz statt Befehl
Besonders anregend wurde es, als aus dem Publikum die Frage nach Ordnung, Struktur und Kompetenz kam. Braucht man nicht doch Führung? Was geschieht, wenn jemand etwas besser kann als die anderen? Ist das nicht am Ende doch eine Form von Hierarchie?
Schindlers Antwort war differenzierter, als man nach dem ersten radikalen Impuls vielleicht erwartet hätte. Sie sprach davon, dass in einer Gruppe selbstverständlich Fähigkeiten sichtbar werden. Wer gut Holz hacken kann, zeigt anderen das Holz hacken. Wer kochen kann, kocht. Wer etwas weiß, teilt es. Aber daraus entstehe nicht notwendig Herrschaft. Kompetenz sei nicht automatisch Befehl. Expertise sei nicht dasselbe wie Unterwerfung.
In diesem Zusammenhang fiel das Wort Emergenz: Prozesse des Auftauchens, bei denen sich aus einer Gruppe heraus ergibt, wer was übernimmt, was gerade gebraucht wird und wie ein Zusammenhang sich organisiert – ohne dass daraus ein fester Herrschaftsapparat entsteht. Ameisen, Vogelschwärme, menschliche Gruppen: Nicht als romantische Naturmetapher, sondern als Hinweis darauf, dass Ordnung auch aus vielen Wechselwirkungen entstehen kann, statt von oben dekretiert zu werden.
In der Diskussion wurde dann zurecht eingewandt, dass man vorsichtig sein müsse, nicht alles bloß umzubenennen. Vielleicht gebe es etwas wie temporäre Rangigkeit aufgrund von Fähigkeit, ohne dass daraus ein dauerhafter Herrschaftsanspruch wird. Genau an dieser Stelle wurde der Abend produktiv: Nicht in fertigen Antworten, sondern in der gemeinsamen begrifflichen Arbeit.
Der Widerstand gegen fertige Antworten
Mehrfach verweigerte Schindler dem Publikum genau das, was viele Zuhörer vielleicht gern von einer Rednerin gehabt hätten: die fertige Blaupause. Manche wollten wissen, wie es konkret geht. Wie das System aussehen soll. Welche Form die neue Ordnung haben wird. Ihre Weigerung wirkte zunächst ausweichend, war aber konsequent. Wer eine herrschaftsfreie Gesellschaft denke, könne nicht im selben Atemzug wieder nach dem einen Entwurf und der einen gültigen Anleitung verlangen.
Das war vielleicht einer der wichtigsten Momente des Abends. Denn hier zeigte sich, wie tief das Bedürfnis nach Führung selbst in einem Publikum sitzt, das sich offen für andere Formen des Zusammenlebens zeigt. Selbst dort taucht der Wunsch auf: Sag uns, wie es geht. Gib uns die Struktur. Liefere die Antwort. Schindler hielt dagegen, nicht aus Arroganz, sondern um genau diesen Reflex sichtbar zu machen.
Ihre eigentliche Botschaft lautete: Jeder ist gefragt. Jeder kann Antwort geben. Jeder trägt Größe in sich. Es gibt kein zentrales Gehirn, das die Welt für alle entwirft. Das mag abstrakt erscheinen, aber gerade darin liege der Schritt aus der Abhängigkeit.
Wärme gegen Kälte
Was den Abend jenseits aller Theorie zusammenhielt, war ein Gegensatz, den man vielleicht als emotionalen Kern bezeichnen kann: das Wärmeprinzip gegen das Kälteprinzip. Politik, so Schindler, sei im Grunde lieblos. Selbst wenn sie freundlich rede, tue sie es meist taktisch. Der Apparat denke in Nutzen, Steuerung, Kalkül, Maßnahmen, Verwaltung. Er müsse Menschen verkleinern, um sie handhabbar zu machen.
Dem stellte sie das Bild von Menschen gegenüber, die einander in die Augen sehen, einander spüren, Talente entdecken, Nöte wahrnehmen, ohne dass sofort eine höhere Instanz darüber entscheidet. Nicht weichgespült, nicht konfliktfrei, nicht sentimental – aber warm. Das war vielleicht das eigentlich Bewegende des Abends: dass Anarchie hier nicht als kalte Theorie, sondern als Versuch erschien, Würde, Nähe und Lebendigkeit gegen das Verwaltungshafte zu verteidigen.
Ein Abend, der offenblieb
Am Ende blieb vieles offen, und gerade das war produktiv. Es gab keine Parteigründung, keine Gebrauchsanweisung, keinen wohlgeordneten Katalog. Es gab ein Manifest, ein Gespräch, Widerspruch, Zustimmung, begriffliche Suchbewegungen und eine Reihe von Zumutungen. Man musste nicht allem zustimmen, um den Wert dieses Abends zu spüren. Aber man konnte kaum unberührt nach Hause gehen.
Denn Schindler traf etwas, das in vielen längst arbeitet: das Misstrauen gegen die immer dichteren Machtapparate, gegen die Übergriffigkeit von Bürokratie, gegen die Erschöpfung durch politische Stellvertretung, gegen das ewige Hoffen auf Figuren, die dann doch nur Funktionen des Systems bleiben. Zugleich traf sie einen anderen, selteneren Nerv: die Frage, ob wir selbst überhaupt bereit sind, Freiheit zu tragen.
Das war vielleicht der stärkste Gedanke des Abends: Herrschaftslosigkeit ist nicht bloß ein politisches Ziel, sondern eine menschliche Herausforderung. Sie verlangt mehr Selbstkenntnis, mehr Reife, mehr Ehrlichkeit, mehr Konfliktfähigkeit und mehr Mut, als die bequeme Kritik am Bestehenden. Wer den Retter ruft, bleibt klein.
Wer sich selbst und den anderen ernst nimmt, betritt Neuland.
Und vielleicht war genau das die eigentliche Erfahrung dieses Abends in Friedenau: nicht das Gefühl, nun endlich im Besitz einer fertigen Wahrheit zu sein, sondern die Ahnung, dass man das Thema weiterdenken muss. Weiterreden. Weiter erproben. Nicht als Pose, sondern als Arbeit am eigenen Leben und am gemeinsamen Raum.
Es war ein gutes Erleben, das man gerne weiter vertiefen kann – eine Gelegenheit, sich mit Fragen der Selbstwirksamkeit und eines herrschaftslosen Miteinanders auseinanderzusetzen. Gerade in Zeiten zunehmender Überformung und Durchdringung durch zentrale Machtstrukturen erscheint das notwendiger denn je.
Quelle: https://t.me/Gretchens_Dorf



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